Grußwort zum Gemeindesinn März - Mai 2011



Befinde ich mich in einem Liebesroman? Liebe Leserinnen und Leser des Gemeindesinns,
„Verschenken Sie die Hauptrolle in einem Roman!“ fordert eine Internetseite auf. Zwar liegt Heiligabend am Ostersonntag exakt vier Monate schon wieder zurück, aber auch das Auferstehungsfest ist gerne mit einem kleinen Geschenk verbunden. Warum nicht mal ein Buch verschenken, in dem der Beschenkte die Hauptrolle und die besten Freunde die Nebenrollen spielen. Natürlich muss es zu Ostern passen. Im Internet kann man dann ein Genre auswählen: Soll es ein Krimi, eine Liebesgeschichte oder ein Mystery-Roman sein? Aber zu welcher Kategorie passt Ostern?
Ist es ein Krimi? Wenn ich mir die Evangelien anschaue, wie sie die Spannung hin zum spektakulären Mord am Ende aufbauen, kann ich dem zustimmen: Jesu Leben ist von Anfang an gefährdet: Geburt unter hygienisch bedenklichen Bedingungen; Flucht nach Ägypten um dem Kindermord durch Herodes zu entkommen; sein Verwandter und Täufer Johannes wird enthauptet; Streit mit Eltern und Geschwistern, ob er noch ganz bei Trost sei; Streitgespräche mit seinen Kollegen, die ihn aus dem Weg räumen wollen; und schließlich Hochverrat mit Prozess, Schmiergeld und Hinrichtung. Dass dabei noch die Erde bebt, sich die Sonne verdunkelt, und es am Ende noch ein Verwirrspiel um den verschwundenen Leichnam gibt, treibt die Spannung auf den Höhepunkt.Leider gibt es heute noch Menschen, die unfreiwillig in so einem Krimi stecken. Christen, die in Ländern wie Irak, Indien oder China verfolgt werden. Oder Menschen, die sich für andere einsetzen und dabei Anfeindungen ausgesetzt sind: Um einem gemobbten Kollegen zu helfen, sich für eine Mitschülerin einsetzen, gegen überzogene Großbau- oder Atomprojekte demonstrieren, oder sich für die Umwelt, gerechte Löhne oder bedrohte Tiere einsetzen. Schnell sind wir im Geschehen mitten drin. Schneller als uns manchmal lieb ist. Doch es kommen mir Zweifel, ob Ostern mit dem Genre Krimi umfassend charakterisiert ist.
Ist es nicht eher ein Liebesroman? Voller Liebe wendet sich Jesus Kindern, Kranken, Ausgestoßenen und in Not geratenen Frauen und Männern zu. Diese erwidern seine Liebe, möchten ihn umarmen, berühren, festhalten oder ihn ihr ganzes Leben lang begleiten. Vermutlich Maria Magdalena war es, die ihn salbte, die Füße küsste und mit ihren Haaren abtrocknete. Sie und weitere Frauen bleiben ihm treu bis unter das Kreuz und wollten ihn am Ostermorgen salben. „Hast du mich lieb?“ war die einzige Frage, die Jesus seinem Freund Simon Petrus nach Ostern stellte. Und der antwortete tapfer und beharrlich: „Du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Und schließlich öffnet uns der Evangelist Johannes die Tür zu der Liebe, die menschliche Liebe umfasst und gleichzeitig noch übersteigt: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gab, auf das alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ Ich klicke also auch die Kategorie Liebesroman an, bevor mein Blick auf die letzte Spalte fällt:Mystery-Roman, geheimnisvolle Geschichte. Auch diese Romanart finde ich im Ostergeschehen wieder: Jesus zieht lahme Menschen auf die Beine; blinde Augen werden mit Händen und Spucke geheilt; Dämonen aus einem Menschen vertrieben, die daraufhin in eine Schweineherde rasen; Tote werden zum Leben erweckt und Jesus selbst bleibt nicht im Grab. Gibt es überhaupt ein größeres Geheimnis als die Auferstehung der Toten? Da hatten selbst die biblischen Autoren ihre Mühe, das, was sie glaubten, in verständnisvolle Bilder zu formen. Paulus unterscheidet den natürlichen vom geistlichen Leib und spricht vom Bekleidetwerden mit unsterblichem Leben. Die Evangelien halten sich an das Bild vom Weizenkorn, das stirbt und dadurch Frucht bringt, und meinen damit Jesus. Aber allen Bildern zum Trotz, die Auferstehung bleibt ein Geheimnis. Damit ist Ostern eine echt geheimnisvolle Geschichte. Ich klicke also auch das letzte Genre an.
Noch bevor ich die Angaben zu meiner Person machen kann, stelle ich fest, dass ich mich, dass wir uns alle schon mittendrin in diesem Krimi, Liebes- und Mystery-Roman befinden, der Ostern heißt. Wenn wir die Ostergottesdienste feiern, befinden wir uns in dieser erstaunlichen und unendlichen Geschichte, gemeinsam mit den biblischen Hauptdarstellern und mit allen Christinnen und Christen, die vor uns Ostern gefeiert haben und mit uns Ostern weltweit feiern. Das ist sozusagen Gottes Ostergeschenk an uns. Ach ja, und wenn es nach Gott geht, dann erhalten Sie eine bedeutsame Rolle in seinem Lebenswerk. Dann feiern Sie mit ihm das Leben, auch wenn Sie dabei den Tod nicht aus den Augen verlieren. Dann schreiben Sie am Lebenswerk Jesu Christi weiter, indem Sie in seinen Spuren wandeln. Frohe und gesegnete Ostern!
Es grüßt Sie Ihr Okärber Pfarrer
Eckart Dautenheimer