Grußwort zum Gemeindesinn Sept.- Nov. 2009
Liebe Leserinnen und Leser,„Ha, das hast du dir wohl so gedacht! Erst gibst du mir den großen Auftrag und dann kann ich allein sehen, wie ich zurechtkomme. Alle kommen hierher mit ihren Sorgen und mit ihrer Freude. Ich komme mit der Fülle der Aufgaben nicht klar. Es berührt mich. Es macht mir was aus. So haben wir nicht gewettet! Glaub' bloß nicht, dass du so davonkommst. Ich mühe mich die ganze Zeit ab, habe schwer zu tragen, und wer hilft mir? Du machst dich unsichtbar. Ein feiner Gott bist du. Ich rackere mich ab und schleppe diese schwere Last. Mir ist es einfach zu viel!!! Hörst du!!! Mir ist es zu schwer! Immer soll ich für alle Sorgen ein offenes Ohr haben und für diesen und jeden Notfall da sein. Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr!!!“
Was für eine Klage! Wer hat sich da mal so richtig Luft gemacht? Eine allein erziehende Mutter, welcher Haushalt, Berufstätigkeit, ehrenamtliches Engagement und ein offenes Ohr für alle Freundinnen zu viel geworden ist? Oder vielleicht ein Mann in leitender Position, dem die Aufgaben für die ihm anvertrauten Menschen über den Kopf gewachsen sind? Oder eine Politikerin oder ein Geistlicher ...?
Die Person, von der diese große Klage stammt, hat von allen etwas: Er ist fürsorglich wie eine Mutter, managt das Leben von ca. 60.000 Menschen in leitender Position, ist von ganzem Herzen engagiert wie eine Politikerin und ist zugleich ein Geistlicher, dem die Seelsorge ans Herz gewachsen ist. Es handelt sich um Mose, der dem eigenen Burn-Out und einem Zornausbruch Gottes zuvorkommen wollte. Er hatte sein Volk in die Freiheit und durch die Wüste geführt, doch jetzt wurde ihm alles zuviel.
Natürlich gibt es auch hier ein Happy End: „Mose versammelte 70 Menschen aus dem Kreis der Ältesten Israels vor dem Heiligen Zelt, die ihm Arbeit abnehmen sollten. Da kam Gott in einer Wolke herab, nahm einen Teil des Geistes, den er Mose gegeben hatte, und gab ihn den 70 Ältesten. Diese gerieten darauf in ekstatischer Verzückung wie die Propheten.“ (1. Mose 11, 10-25).
Ob am 1. November 2009 die 58 Kärber neuen Kirchenvorsteherinnen und –vorsteher bei ihrer Einführung in den jeweiligen Ältestenrat in ekstatische Verzückung geraten werden, wissen wir nicht. Aber sicher ist es, dass sie Gottes Geist und Segen mit auf ihren Weg und die sechsjährige Amtszeit bekommen werden, um gemeinsam mit den fünf Kärber Pfarrern die Geschicke der über 9000 evangelischen Christen in Karben zu leiten.
Aus Moses Geschick ist deutlich geworden, dass zwei unerlässliche Dinge zusammenkommen: Mit Leidenschaft für andere Menschen dazusein und ihnen zu helfen, aber auf der anderen Seite auch die Gefahr, vor lauter Helfen, Zuhören, Reden, Leiten und sich Engagieren von der Masse der Aufgaben überrollt und dabei weder Gott noch den Menschen noch sich selbst gerecht zu werden. Teilen, delegieren, anderen etwas zumuten, ihnen vertrauen und demokratisch kontrollieren, das meinen die biblischen Segensworte, die schon in alter Zeit Gottes Volk den Weg in die Zukunft eröffnet haben. Vor 500 Jahren hat Martin Luther dies dann noch einmal mit dem Begriff vom „Priestertum aller Gläubigen“ auf den Punkt gebracht. Und der zweite große Reformator, dessen Geburtstag sich am 10. Juli zum 500. Mal gejährt hat, Johannes Calvin, hat mit seinen kirchlichen Institutionen Modelle geschaffen, die in den folgenden Jahrhunderten zu Vorbildern für moderne und demokratische Gesellschaften wurden. Die meisten evangelischen Landeskirchen gehen in ihrer synodalen Verfassung mit Kirchenvorstand und Kirchenparlamenten auf Calvin zurück.
Gott spricht: Ich schenke ihnen ein anderes Herz und schenke ihnen einen neuen Geist. Ich nehme das Herz von Stein aus ihrer Brust und gebe ihnen ein Herz von Fleisch (Hes 11,19). So lautet der Monatsspruch für Oktober, der uns, egal ob wir einfaches Kirchenmitglied oder Kirchenvorsteher/in oder Pfarrer/in sind, als segensreiche Verheißung mitgibt, dass Gott uns in unserem Alltag ein menschliches Herz schenkt. So können wir uns anderen zuwenden, wie eine gute „Mutter, die ein Kind geboren hat ...,andere auf den Schoß nehmen, wie die Amme den Säugling und diese auf unseren Armen tragen“.
Dazu wünsche ich Ihnen, Ihren Familien und Freunden ein leidenschaftliches Engagement in „Gottes Weinbergen“, aber passen Sie auf sich auf und delegieren Sie rechtzeitig.
Es grüßt Sie herzlichst Ihr
Pfarrer Eckart Dautenheimer


